Qualitätssicherung Fahrschulen: Sinn oder Unsinn? Kommentar von Robert Klein zur Qualitätssicherung in Fahrschulen
Die Europäisierung schreitet voran und hat – eben mal am letzten Mai-Wochenende – aus dem Hexagon einen mächtigen Dämpfer erhalten. 55 Prozent der Franzosen votierten gegen die EU-Verfassung, welche die rund 62 Millionen Einwohner in den geplanten Einheitsbrei des europäischen Zusammenschlusses gar kochen und ohne die aus dem Land bekannte Würze und Lebenskultur zu berücksichtigen auf das Minimum, das bloße Existieren in einer künstlichen Gemeinschaft reduzieren wollte.
Ähnliches geschieht seit Jahren und aktuell wieder außerordentlich vehement im Bereich des Qualitätsmanagements (QM). Über standardisierte Kontrollmechanismen und ISO-Normen (griechisch „isos“ heißt „gleich“) wird unter dem Deckmantel der Fortschrittlichkeit und Modernität versucht, ein Gebilde zu schaffen, das vergleichbar wird.
Wir als Fahrschullehrer verlieren damit nicht nur unsere Individualität sondern auch die Möglichkeit, nach unseren Regeln unsere Unternehmen zu führen. Was wir lange Zeit akribisch ausgearbeitet haben und wachsen haben lassen, verschwindet hinter Normen, Klassifikationen und Statistiken. Die – sagen wir – Instandhaltung der Zertifizierung bürdet uns noch mehr Arbeit und finanziellen Aufwand auf. Wozu das Ganze?
Hinter dem Begriff „Qualitätssicherung nach ISO“ stecken ganz andere Dinge. Er bedeutet nicht, dass wir plötzlich noch qualitativ hochwertiger arbeiten als wir das sowieso schon tun. Hier werden lediglich Mindeststandards definiert und Kontrollprozesse idealtypisch beschrieben. Es werden lediglich Normen festgelegt.
Machen wir mal eine Rechnung auf: Die Fixkosten für unsere Fahrschulen sind uns bekannt. Schreiben wir darunter die dauernden Kosten für den Erhalt der Zertifizierung, die Kosten für den Qualitätssicherungsbeauftragten, die Prüfungskosten und zählen zusammen. Die zusätzlichen, versteckten Kosten werden uns erst dann bewusst, wenn wir sie schwarz auf weiß haben. Wir können ja noch jemanden einstellen, der sich um das Ganze kümmert. Denn wer soll sich in unseren Betrieben um die drei Säulen „Dokumentation, Dokumentation, Dokumentation“ des QM kümmern? Wir könnten höchsten einen Preis gewinnen für das Erfinden eines neuen Berufes.
Schauen wir mal ins Internet. Das Online-Lexikon WIKIPEDIA schreibt: „Qualitätsmanagement führt nicht per se zu einem hochwertigen Produkt, da Qualitätsmanagement nur die Erreichung der vorgegebenen Produkt-Qualität steuert. Daraus leitet sich ab, dass der Herstellungsprozess eines Billigprodukts durchaus einem sehr guten Qualitätsmanagement unterliegen kann. Darin begründet sich oft auch ein Irrglaube bezüglich von Qualitätszertifizierung nach ISO 9000. Nicht das eigentliche Produkt wird zertifiziert (was von dem Kunden oft impliziert wird), sondern nur das Qualitätsmanagement im Herstellungsprozess.“
Die 9000er-ISO ist die niedrigste Form der Zertifizierung. Die eigenständige Unternehmenskultur Fahrschule lässt sich darin nicht platzieren. Nun geht man deshalb in Deutschland den Weg des Qualitätssiegels. Ich frage mich nur: Als Vorstufe einer – gewiss in vielen Bereichen der Wirtschaft wichtigen Qualitätssicherung – oder lediglich, damit man nicht untätig dasteht und Partnerfirmen aus dem Filz ein paar Aufträge zuschustert. Im Grunde bedeutet das Führen eines Qualitätssiegels denselben Aufwand wie das Führen einer ISO-Zertifizierung. Denn auch beim Qualitätssiegel geht es nur darum zu dokumentieren, zu dokumentieren und noch mal zu dokumentieren. Ansonsten müsste man, folgte man der Philosophie des Qualitätsmanagements, das Siegel wieder aberkannt bekommen. Ist es nicht so?
Nicht wirklich wie ein Horror-Szenario, eher lustig wird alles enden. Sehen wir das Ganze doch so: Picke jedem Fahrschullehrer ein Qualitätssiegel aufs Auto und schicke es raus auf die Straße. Irgendwann wird dann jeder mit dem Qualitätssiegel rumfahren, weil jeder eines haben möchte, um mit den anderen gleichzuziehen. Das im Produktmarketing wichtige Alleinstellungsmerkmal geht dann ohne Zweifel verschütt. Denn jeder hat plötzlich ein Alleinstellungsmerkmal und somit auch wieder gar keines. Woran soll sich dann derjenige, der dem Qualitätssiegel Bedeutsamkeit beimessen möchte, noch orientieren? An der Größe des Siegels? Daran, dass das eine vielleicht etwas größer ist als das andere? Daran, dass das eine höher hängt als das des Mitbewerbers?
Reduzieren wir die Gedanken des französischen Philosophen Luc de Clapiers Vauvenargues auf den kurzsichtigen Aktionismus von Qualitätssiegel-Fetischisten: „Gleichheit ist kein Naturgesetz. Die Natur hat nichts gleich gemacht. Ihr höchstes Gesetz ist Unordnung und Abhängigkeit.“ Mit einem Qualitätssiegel machen wir uns abhängig. Aber nicht in der Art, dass wir die Unordnung der Natur überwinden sondern insofern, als wir Lobbyisten, die solche Ideen in die Welt setzen, unsere Zeit schenken und ihnen unnötigerweise Geld in den Rachen werfen.
Wachen wir doch auf und stimmen wie die Franzosen ab. Für mich persönlich gibt es nur ein klares „Nein“ zum Siegel, was nicht heißt, dass ich gegen Qualität bin. Aber nur im höchsten Bereich und das überlasse man uns Unternehmern doch bitte selbst. Übrigens: Uns Deutsche hat man gar nicht gefragt, ob wir die EU-Verfassung wollen. Hat man Sie gefragt, ob Sie ein Qualitätssiegel haben möchten?
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